Powerkiting

 
 

Powerkiting – Das Spiel mit der Kraft



Powerkites sind Drachen, die aufgrund ihrer Konstruktion darauf ausgelegt sind, ihre Bewegung am Himmel in eine horizontale Kraftentfaltung nach Lee umzusetzen. Manche Drachen sind keine reinrassigen Powerkites, werden aber durch ihre Größe oder ihr Profil bei höheren Windstärken zu welchen.

Warum zieht eigentlich ein Drachen?

Zuerst muss man sich die Frage beantworten, warum ein Drachen überhaupt fliegt.
Wenn man sich einen bestabten Lenkdrachen ansieht, dann wird man feststellen, dass das Segel keine Ebene ist, sondern ein spezielles Profil besitzt, welches seine Flugeigenschaften und seinen Charakter beeinflusst. Wir stellen uns vor, was passiert, wenn der Wind, welcher eine Strömung ist, in einem 90°-Winkel auf das Drachensegel trifft: Die Strömung drückt gegen den Stoff und muss dann abgelenkt werden, da sie nicht weiter kann. Die Ablenkung passiert durch das Profil des Segels, indem der Wind dem Stoffhindernis folgt und durch physikalische Gesetze den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Da der Drachen beweglich ist, wird er durch den Wind „aus dem Weg“ gedrückt und bewegt sich fort.

Bei Lenkmatten funktioniert das etwas anders, da sie eine komplett andere Form haben. Die Funktion ist ähnlich wie die Tragfläche eines Flugzeugs, die durch ihre Form speziell im Luftraum angeströmt werden und dadurch einen Auftrieb erfahren. Matten fliegen also nicht dadurch, dass der Wind auf ihre Unterseite drückt und sie antreibt, wie es bei einem Stabdrachen der Fall ist, sondern durch ihre Tragflächen-Form und die darauf wirkenden physikalisch-mechanischen Kräfte.

Wir nehmen für unser Beispiel mal einen Stabdrachen.
Das Profil eines Drachens kann „tief“ oder „flach“ sein. Je tiefer es ist, desto leichter kann der Wind (der Druck) abfließen. Dadurch bekommt der Drachen weniger Antrieb, bewegt sich langsamer fort und fliegt sehr stabil. Ist das Profil aber flach, so trifft der Wind teilweise wirklich in einem 90°-Winkel auf das Segel und kann weniger leicht abfließen. Er sucht sich also in diesem massiven Druckaufbau den Weg des geringsten Widerstandes und folgt dem flachen Profil. Der Drachen wird auf diese Weise beschleunigt, fliegt aber auch ziemlich instabil.
Weiterhin bestimmen Bauteile wie Standoffs und Whisker, die Position der Spreizen, der Schnitt des Segels und die Waagekonstruktion die Eigenschaften des Drachens.

Durch einen besonderen Schnitt mit tiefer Profilierung „fängt“ sich der Wind im Segel und kann nur langsam abfließen. Der Drachen fliegt zwar relativ langsam, aber seine Zugkraft ist sehr deutlich spürbar. Der Drachen wird zum Powerkite.

Für die physikalische Richtigkeit übernehme ich keine Garantie!

Wie und wofür kann man einen Powerkite einsetzen?

Da Powerkites darauf ausgelegt sind, zu ziehen, eignen sie sich für die gewollte Körperbetätigung oder für allerlei Arten der Fortbewegung. Außer den bekannten Tractionkiting-Sorten wie Buggy- oder Landboarding kann man Powerkites a
uch mit einem sehr nützlichen Accessoir, dem Rutsch- oder „Arschleder“ genießen. Dieses ist ein großes Lederstück mit Riemen, das man in Gesäßgegend am Bauch und an den Oberschenkeln festschnallt, um unbeschadete Rutschpartien am Strand oder auf der Wiese zu absolvieren. Man sitzt dabei auf dem Leder und wird von dem Drachen nach Lee gezogen. Den etwas anstrengenden Rückweg muss man allerdings per Pedes antreten. Während man auf Buggy oder Board die Zugkraft des Drachens umlenkt und in eine 90°-Bahn zum Wind verwandelt, spürt man beim Arschledern die direkte, echte und schonungslose Kraft eines Drachens, weil man die volle Powerzone nutzt, um eine gleichmäßige Vorwärtsbewegung zu bekommen. Das ist manchmal nicht ganz ungefährlich, und man sollte einige Vorsichtsmaßnahmen für sich und andere Anwesende beherzigen.

Je nach Wind eignen sich Powerkites auch einfach nur zur körperlichen Betätigung. Wenn der Wind nicht reicht, um den Piloten vom Fleck zu bewegen, macht man einfach nur ein wenig „Training“ damit und/oder übt verschiedene Manöver. Große Stabdrachen müssen nicht immer als Powerkites ausgelegt sein, aber durch ihre Segelfläche wird ihr Zug bei höheren Windstärken unweigerlich ziemlich heftig. Hier ist wirkliches Können gefragt, einen großen powernden Stabdrachen gefahrlos zu fliegen.

Interessant sind in diesem Bereich auch Drachengespanne, das bedeutet, dass zwei oder mehr Drachen hintereinandergekoppelt, aber nur an zwei Schnüren miteinander fliegen. Ein Gespann beeinflusst die Eigenschaften der Einzelflieger, je nachdem, ob es ein lineares (alle Drachen haben die gleiche Größe) oder ein progressives Gespann (die Größe der Drachen ist aufsteigend) ist.

Besonders junge Leute sind fasziniert von der Kraft, die Drachen entfalten können. Dieses bezieht sich aber nicht nur auf den horizontalen Zug, sondern auch auf den vertikalen. Diese vertikale Kraftentfaltung nennt sich „Lift“ und einige Drachen können sehr wohl auch als ein solcher fungieren. Durch ein bestimmtes Flugmanöver wird der Pilot vom Drachen in die Luft katapultiert und „fliegt“ für einen Moment. Dieses „Kite-Jumping“ genannte Manöver ist der Traum vieler Neulinge. Zugegeben, es sieht spektakulär und nicht selten brutal aus, aber dahinter steckt viel Erfahrung und Können. Leicht kann ein Jump im Desaster enden, wenn man zu unbedarft an die Sache heran geht. Dennoch will ich es nicht unerwähnt lassen. Man kann alles lernen!

Die körperliche Kraft – (k)ein Hindernis?

Oft werde ich als Frau von Spaziergängern gefragt, ob ich „so einen großen Drachen überhaupt halten
könne. Entweder sage ich, dass es eine Frage der Flugtechnik ist, oder schlicht „Nein“, was im Grunde der Wahrheit entspricht. Dass ich über die Wiese gezogen werden möchte, klingt für staunende Touristen in dem Moment etwas abstrakt. Ich habe nur ein bestimmtes Körpergewicht, keine Betonfüße oder Bleibrocken im Bauch und meistens ist mein Körpergewicht für einen großen Drachen kein wirklicher Widerstand. Halten in dem Sinne von „Festhalten“ oder „Aufhalten“ kann ich den Drachen, der mich abschleppen kann, nicht. Was ich kann, ist, ihn zu beherrschen, zu kontrollieren. Das macht das Fliegen von Powerdrachen berechenbar. Da jeder aber nur eine bestimmte körperliche Kraftreserve hat, wird diese irgendwann aufgebraucht sein und es beginnt, keinen Spaß mehr zu machen, weil es krampfig und stressig wird. Die Kraft lässt nach, die Konzentration auch, die Situation wird gefährlich. Aber es gibt eine Möglichkeit, die Arme zu entlasten und auch längere Zeit entspannt zu fliegen. „Trapez“ heißt ein Gurtsystem, mit dem die Zugkraft des Drachens von den Armen auf den Körper übertragen wird. Mit Hilfe von Umlenkrollen, Tampen und Schnappschäkeln wird eine direkte Verbindung hergestellt, die den Drachen am Trapez des Piloten einhakt. Man hält den Drachen also nicht mehr mit den Armen, sondern mit dem ganzen Körper. Der Zugpunkt verlagert sich in die Rücken- oder Lendengegend, wo er von vielen als angenehmer empfunden wird, als den Zug nur in den Armen zu spüren. ABER so viele Vorteile ein Trapez auch hat, sollte es mit Vorsicht zu genießen sein, denn im Notfall ist man immer noch direkt mit dem Drachen verbunden. Es gibt ein Sicherheitssystem, mit dem man sich mit einer Handbewegung vom Drachen abkoppeln kann, aber die Handhabung erfordert eine intuitive Bedienung und viel Übung. Daher sollte ein Trapez nicht bei Neulingen zum Einsatz kommen, sondern erst, wenn der betreffende Drachen 100%ig kontrolliert werden kann.

Welcher ist ein Powerkite?

Das Wort „Powerkite“ heißt grob übersetzt „Kraftdrachen“. Jeder Drachen, der darauf ausgelegt ist, Kraft zu entfalten, ist ein Powerkite. Das kann ein Stabdrachen oder eine Lenkmatte sein.
Drachen (Matten oder Tubes) mit einem dosierbaren Kraftpotenzial heißen „Depower-Kites“. Ich zähle sie nicht mehr zu den reinen Powerkites, sondern zu den Tractionkites (= “Zugdrachen“). Diese Drachen werden auf dem Wasser oder zum Kitelandboarding eingesetzt, da hier eine Dosierbarkeit der Kraft von Vorteil ist. Was die Depowerkites jedoch in Kreisen der Powerkites am besten können, ist liften. Wenn man die Technik des Kite-Jumpens beherrscht, sollte man sich einmal an einen Depowerkite wagen, denn mit diesem System sind wahre Höhenflüge garantiert!


 

von Christin Töws

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