ein "vernünftiger" Drachen?

 


Was ist eigentlich ein „vernünftiger“ Drachen?

 
 
Viele Leute kommen spontan zum Drachenfliegen. Im Urlaub an der Küste zum Beispiel. Was gibt’s außer Möwen, Leuchtürmen, Schiffen, Muscheln, Watt, Wind und Wasser noch – achja, „Drachen steigen lassen“. Schnell beim Bummeln in die Strandboutique und „egal, irgendeinen, der nicht so schnell kaputt geht“ für wenige Euros gekauft. Freudig an den Strand spaziert, das erste Problem: Wie baut man das Ding auf? Nicht in die Anleitung geschaut, das „Ding“ irgendwie zusammengesteckt, ein Stück der auf Plastikspulen aufgewickelten Schnur abgewickelt und das „Ding“ zwei Meter vor sich von jemandem in die Luft werfen lassen. Der Drachen zappelt rum, der Mensch jauchzt, der Drachen stürzt ab, der Mensch lacht. Naja, wenigstens haben wir es versucht und irgendwie macht das gemeinsame Das-„Ding“-bezwingen Spaß!
Käufer von einleinigen Drachen (meistens für Kinder) haben erstaunlich wenige Probleme, denn die meisten „Plastiktüten“ mit Adleraufdruck und langem Schwanz stehen trotz Anwenderfehler überraschend gut im Wind. Dann der Nachteil: Das Kind beginnt zu maulen, irgendwie sei Drachen-steigen-lassen langweilig. Bei Käufern von Lenkdrachen beginnt die Stimmung nach ungefähr einer halben Stunde umzuschlagen. Das Ding fliegt nicht richtig, ist nicht länger als ein paar Sekunden in der Luft zu halten, der Mensch zappelt rum wie am Anfang der Drachen, die Schnüre verdrehen sich, Leinensalat, eine Stange hängt raus. Ungeduld kommt auf, danach Frust, danach nicht selten Aggression und das „Ding“ für ein paar Euros fünfundneunzig landet im nächsten Mülleimer. Dabei hätte man das vermeiden können.

Nur wenige Leute wissen vor dem Kauf des ersten Drachens, auf was es ankommt. Viele der Lidl-Drachen-Käufer finden ihren Erwerb dank des werbewirksamen Aufdrucks „Profi-Lenkdrachen“ qualitativ hochwertig, weil sie oft noch nie einen wirklichen Hightech-Drachen gesehen oder angefasst haben.
Das Shape, die bekannte Deltaform, ist bei beiden gleich, und dann beginnen auch schon die Unterschiede: Das Material, die Verarbeitung, die technischen Feinheiten und die Möglichkeiten für den Piloten, den Drachen individuell einstellen zu können sind bei einem Billigprodukt von unter 20€ deutlich anders (schlechter) als bei einem Drachen ab 80€ aufwärts.

Vergleich eines „Billigdrachens“ (Hersteller unbekannt, Neupreis 10€, RTF)
mit einem „Obsession 99“ (Hersteller HQ Invento, Neupreis 90€).


Der Obsession ist eigentlich ein betagter Trickdrachen aus dem Jahre 1999. Dennoch ist er in meiner Drachentasche derjenige, der in der Größe dem Billigdrachen am nächsten kommt. Trotz, dass er ihm mit einer Spannweite von knapp 2 Metern größentechnisch ein weites Stück voraus ist, kann man die Qualitätsunterschiede ganz gut erkennen.

[Bild: dscn2031.jpg]
Man sieht schon auf den ersten Blick, dass die beiden Drachen nur ihre Delta-Form gemeinsam haben.

Waagevergleich:
[Bild: dscn2032.jpg]
Die Waage des Obsession (grau) besteht aus einer speziellen Waageleine, die eine individuelle Einstellung des Drachens ermöglicht, indem man die Knoten verschieben kann. Der Billigdrachen hat eine Waage aus normalem Nylonfaden mit einem nutzlosen Metallring, der eine vernünftige Anbringung der Flugleinen im ersten Moment verhindert (man möchte sie durch den Ring knoten, was falsch ist!). Einstellmöglichkeiten sind für den Otto-Normalflieger nicht vorhanden.

Segelbereich Mittelkreuz, unterer Kielstab:
[Bild: dscn2033v.jpg]
Obsession

[Bild: dscn2035.jpg]
Billigdrachen

Detail Kielstab Billigdrachen:
[Bild: dscn2036.jpg]
Deutlich schaut der Kielstab, der hinter dem Segel sitzt, darunter hervor. Nur ein Gummiband soll das gesamte Drachensegel spannen.

Ansicht Kielstab/Kreuz von hinten:
[Bild: dscn2041.jpg]
Billigdrachen

[Bild: dscn2038i.jpg]
Obsession

Beim Obsession endet der Kielstab sicher und fest in einer großzügigen Tasche. Hier kann nichts durchstoßen werden, reißen oder sich verformen. Das Segel ist immer nach unten hin gespannt.

Vergleich Segelprofil (Schleppkante) und Standoff-Lösungen:
[Bild: dscn2039.jpg]
Obsession

Man sieht deutlich, wie die beiden Standoffs das Segel des Obsession aufspannen, sodass die Schleppkante keine Falten wirft oder irgendwo Platz zum Flattern hat. Das Profil des Segels ist bauchig und erlaubt präzise und zuverlässige Flugeigenschaften.

[Bild: dscn2040.jpg]
Billigdrachen

Dieser Drachen hat nur einen Standoff. Er spannt das Segel nur nach oben, aber die Schleppkante wirft deutliche Wellen: ein Anzeichen für eine unzureichende Segelspannung. Das Segelprofil ist bauchig-eckig. Es gibt keine Rundungen im Flügel, die den Druck des Windes sauber ableiten. Das Flugbild wird dadurch unruhig bis hektisch. Unten im Bild ist nochmal der Kielstab mit der Gummiband-Befestigung zu sehen.

Vergleiche der Standoffs:
[Bild: dscn2049.jpg]
Auch der Standoff, wie der Kiel, hat als „Federung“ ein geknotetes Gummiband. Beim Obsession ist der Standoff an beiden Seiten fest mit dem Material, das er spannen soll, verbunden. Das Gummiband am Standoff und am Kiel des Billigfliegers bewirkt, dass das Segel unabhängig vom Rest des Drachens einen Spielraum hat, um z.B. Böen herauszufedern. Das macht den Drachen zwar robuster (er geht nicht so schnell kaputt), aber unvorhersehbar instabil und damit schwieriger zu fliegen.

Vergleich Segelspannung Schleppkante:
[Bild: dscn2048bo.jpg]
Oben drauf Billigdrachen, darunten Obsession

Beim Billigdrachen: wieder ein Gummiband! Damit hängt das Segel pro Seite an drei elastischen Verbindungspunkten und kann im Prinzip ein Eigenleben neben dem Kohlefaserrahmen führen! Beiden muss aber eine Einheit bilden, damit der Drachen beherrschbar fliegt. Die unscheinbare weiße Schnur, die beim Obsession aus dem Segelsaum über die Endkappe läuft, ist der Grund, warum die meisten Billigflieger so laut sind: Bei ihnen ist diese Saumschnur nicht vorhanden. Das Segel kann nicht vernünftig gespannt werden, flattert im Wind und macht dabei diese nervtötenden Geräusche, die jeder schon einmal gehört hat.

Verarbeitungsdetails:
[Bild: dscn2043k.jpg]
Billigdrachen

[Bild: dscn2046.jpg]
Obsession

Zu der Verarbeitung muss man anhand dieser Bilder eigentlich nicht mehr viel sagen: Die Panele des Segels beim Billigdrachen sind derart aneinandergetackert, damit sie auf Gedeih und Verderb den Belastungen gewachsen sind. Auf überstehende Nähte und großzügige Fadenverwendung wurde keine Rücksicht genommen. Die Hauptsache scheint hier zu sein, dass der Drachen wie einer aussieht und einigermaßen in der Luft bleibt, ohne auf Flugperformance hindesigned und -gearbeitet zu haben.
Beim Obsession hingegen liegen die Nähte sauber aufeinander und sind effektiv mit so wenig Garn wie möglich vernäht.

Flugschnüre:

Weiterhin gibt es die Spielwarenhausdrachen in einem RTF-Set, das heißt „ready to fly“ („flugbereit“) und meint, dass eine Flugschnur und Griffe oder Spulen dem Drachen beiliegen und nicht extra gekauft werden müssen. Ein solches Set kostet zwischen 8-15€, je nachdem, welches Modell gekauft wird. Eine qualitativ hochwertige Flugleine von einem namhaften Hersteller, die sich nicht nach Plastik anfühlt, sich nicht gummibandartig dehnt und nicht unkontrollierbar reißen kann kostet zwischen 20 und 50€. Dazu noch Schlaufen aus einem gurtbandähnlichen Material oder Griffe (Shorthandles), keine Plastikringe oder Plastikgriffe, die bei hoher Belastung brechen und tief in die (Kinder-)Hände schneiden können, kosten nochmal zwischen 10 und 20€. Man bezahlt mit dem hohen Anschaffungspreis von „vernünftigem“ Zubehör auch seine eigene Sicherheit, oder die seiner Kinder. Das ist vielen gar nicht bewusst. Auch nicht, wie viel Kraft der Wind auf einen kleinen Drachen ausüben kann und wieviel Kraft das Material aushalten muss. Bei Billigprodukten, die massenhaft gefertigt werden und daher so günstig verkauft werden können, kann nicht gewährleistet werden, dass niemand durch einen Materialfehler zu Schaden kommt.
Hinweis: „RTF“ ist auf keinen Fall ein allgemeines Merkmal für ein qualitativ minderwertiges Zubehör. Die Ausführungen oben beziehen sich auf die RTF-Sets der 10€-Drachen. Es gibt durchaus auch hochwertige Drachen in einem ebenso hochwertigen RTF-Set.

Und jetzt?

Der erste Drachen sollte schon um 100€ kosten dürfen. Natürlich darf man nicht nur nach dem Preis gucken, sondern man muss herausfinden, welcher Drachen zu einem passt und was man hauptsächlich damit machen möchte. Ob ein Drachen geeignet ist, findet man am besten durch private Flugstunden bei befreundeten Drachenfliegern heraus, wo man so viel wie möglich ausprobiert und herauszufinden versucht, was Spaß macht oder was man später mal machen möchte. Ein Treffen mit den Weser-Ems-Kitern ist dazu eine sehr gute Gelegenheit! Hier kann man mit hochwertigen Drachen und Zubehör das Fliegen lernen und muss nicht frustriert von der Wiese stampfen, denn „Drachen-steigen-lassen“, oder wie wir sagen „Lenkdrachenfliegen“ ist eigentlich gar nicht so schwer. Meistens ist es das Material, das nicht „passt“, wenn Menschen mit hängenden Köpfen und leise fluchend alles zusammenpacken und nie wieder etwas von Drachen hören wollen. Sie wissen oft nicht, dass es nicht an ihnen liegt, sondern am Drachen, den sie für ein paar Euros fünfundneunzig mal eben in der Strandboutique gekauft haben. „Mal eben“, das ist das Problem. Wer Lust auf „mal eben ein bisschen Lenkdrachenfliegen“ hat, kann und darf auch Drachenflieger auf der Wiese fragen. Die meisten der Piloten sind sehr nett und haben oft noch „nicht so teure“ Drachen dabei, mit denen ein „Spontan-Interessierter“ seine Neugier befriedigen kann. Fragen kostet nichts. Und falls die Anfragen negativ ausfallen und man doch unbedingt seinen eigenen Drachen für ein paar Euros fünfundneunzig haben will, dann bitte wenigstens die Anleitung sorgfältig lesen!

von Christin Töws

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